Digitale Transformation in der Chemiebranche: Interview mit Henrik Hahn von Evonik Digital

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Digitale Transformation in der Chemiebranche: Interview mit Henrik Hahn von Evonik Digital

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Der Industriekonzern Evonik geht mit seiner Tochtergesellschaft Evonik Digital die digitale Transformation an, entwickelt neue digitale Geschäftsmodelle und baut digitale Kompetenzen im Konzern auf. Ein Gespräch mit Henrik Hahn, der als Chief Digital Officer die Digitalisierungsaktivitäten bei Evonik koordiniert.
Digitale Transformation

Quelle: Evonik

Der Industriekonzern Evonik geht mit seiner Tochtergesellschaft Evonik Digital die digitale Transformation und Zukunft an, entwickelt neue digitale Geschäftsmodelle und baut gezielt digitale Kompetenzen im Konzern auf. In einem Gespräch gibt Henrik Hahn, Chief Digital Officer (CDO) und Vorsitzender der Geschäftsführung der Evonik Digital GmbH, seine Einschätzung zum Stand der digitalen Transformation in der Chemiebranche und erklärt, warum der Spezialchemie-Konzern eine Digitalisierungs-Einheit gegründet hat.

Digitale Transformation wirkt nachhaltig

Für ihn definiert die digitale Transformation ein Prozess der stetigen Weiterentwicklung digitaler Technologien, die Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig prägen. Er sieht darin auch in der Corona-Krise die Chance eines Neustarts in Form von „Sustainable Recovery“. Die Basis dafür wären digitale Innovationen mit Kopf, Hand und Herz, also eine thematische Verbindung von Digitalisierung und Circular Economy. Aber er merkt auch an, dass dies nur mit einer sicheren Produktion in den Betrieben, intakten internationalen Lieferketten, angemessene Steuern und Abgaben, eine leistungsfähige Infrastruktur sowie einer europäischen Solidarität gelingen kann.

Warum gründet ein Spezialchemie-Unternehmen ein Digitalisierungsunternehmen?

Henrik Hahn: Auch wenn Digitalisierung mittlerweile so etwas wie ein Dauer-Trendthema ist: Es ist es gar nicht so einfach zu sagen, was dies für die chemische Industrie im Allgemeinen und Evonik im Besonderen alles bedeutet. Es hat also Sinn, sich der Digitalisierung und ihren Möglichkeiten gezielt und disziplinenübergreifend in einem Team zu widmen, das auch über eine entsprechende Mittelausstattung verfügt. Spezialisierte Einheiten haben sich bei Evonik jedenfalls als vorteilhaft erwiesen, um komplexe Themenfelder strategisch anzugehen.

Wie weit sind die Unternehmen in der digitalen Transformation inzwischen gekommen?

Henrik Hahn: Digitalisierung ist sicherlich ein Effizienzthema, und das ist auch wichtig und gut so. Für mich reicht digitale Transformation aber darüber hinaus. Um es mit den Worten eines bekannten Berliner Digital-Beratungsunternehmens zu sagen: „Die digitale Transformation ist definiert als ein Prozess der stetigen Weiterentwicklung digitaler Technologien, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig prägen.“ Auf den Punkt gebracht geht es darum, Menschen, Daten und Prozesse technischer wie geschäftlicher Natur zusammenzubringen.

Damit wird auch deutlich, dass es hier nicht allein um Technik geht. Und so ist eine Verkürzung auf mögliches Rationalisierungs- und Substitutionspotenzial zu kurz gesprungen. Mein Eindruck aus meiner Tätigkeit als Leiter des Arbeitskreises Digitalisierung im Verband der Chemischen Industrie (VCI): Wir haben in der Branche kein Erkenntnisproblem mehr. Das ist schon einmal eine Errungenschaft. Auf der Umsetzungsseite ergibt sich in den rund 1.700 Mitgliedsunternehmen aber ein gemischtes Bild, was auch eine Frage von finanziellen Mitteln und Kompetenzen ist.

Welche Hindernisse bestehen zurzeit noch?

Henrik Hahn: Ich würde nicht von Hindernissen, sondern von Herausforderungen sprechen – denn sie können ja auch Ehrgeiz erzeugen und gerade dadurch weiterbringen. Der Einsatz digitaler Technologien ist für die Chemieindustrie an sich nichts Neues. Jetzt kommt aber Vernetzung hinzu, womit ganz neue Cybersicherheitsrisiken einhergehen. Das wirft zugleich die Frage der Arbeitsteilung zwischen IT und OT auf. Industrie 4.0 muss sich im Übrigen auch für den Anwender wirtschaftlich rechnen.

Und gerade im Hinblick auf neue – vielleicht noch unklare – Geschäftsmodelle müssen wir schon über einen grundlegenden Kulturwandel reden. Dazu gehört, auch neue Kollaborationen und Kooperationen einzugehen. Und so wird aus einer ursprünglichen Datenfrage schnell eine Frage des Vertrauens zwischen Menschen. Überzeugende Antworten zu den gerade genannten Punkten sind alle Teile der Lösung.

Welche Rolle spielt die digitale Transformation der Unternehmen für ein zukünftige Wachstum aus der Corona-Krise heraus?

Henrik Hahn: Die chemisch-pharmazeutische Industrie durfte sich ja lange Zeit über hohes Wachstum freuen. Ende 2019 hat eine neue Langfrist-Analyse des VCI in Kooperation mit dem Schweizer Forschungsinstitut Prognos herausgestellt, dass sich die Branche auf mäßige Wachstumsraten und einen weitreichenden Strukturwandel einstellen muss. Gelänge es, zusätzliche Geschäftspotenziale über neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen zu heben, könnte sie zusätzliches Wachstum von etwa 0,5 Prozent pro Jahr generieren und damit den Umsatz bis 2050 um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr steigern.

Das war der Befund – noch vor der Corona-Krise. Ich sehe tatsächlich die Chance eines Neustarts in Form von „Sustainable Recovery“. Die Basis dafür sind digitale Innovationen mit Kopf, Hand und Herz. Das bedeutet zum Beispiel, noch stärker die thematische Verbindung von Digitalisierung und Circular Economy zu verfolgen. Damit das gelingen kann, brauchen wir eine sichere Produktion in unseren Betrieben, intakte internationale Lieferketten, angemessene Steuern und Abgaben, eine leistungsfähige Infrastruktur und europäische Solidarität.

Bei den meisten Unternehmen wird die Digitalisierung nur auf das Thema E-Commerce beschränkt. Wie sind hier ihre Erfahrungen aus der Branche und welche Priorisierung setzt Evonik?

Henrik Hahn: Der Geschäftszweck von Evonik Digital ist die Identifizierung, Entwicklung und Umsetzung neuer digitaler Technologie- und Geschäftsstrategien sowie Produkte und Dienstleistungen. Und ja, dazu gehören insbesondere das Thema E-Commerce, aber auch Virtualisierung und Sensorik. Ebenso zählt dazu der Aufbau von Partnerschaften und Beteiligungen zu unterschiedlichen digitalen Ansatzpunkten, wie zum Beispiel der Einsatz der Blockchain-Technologie im Supply-Chain-Management oder von Künstlicher Intelligenz in der Forschung und Anwendungstechnik. So haben unsere Kollegen des Geschäftsgebietes Coating Additives gerade den digitalen Formulierungsassistenten COATINO für die Farben- und Lack-Industrie gestartet. Diese KI- Lösung lässt sich von diversen Endgeräten aus verwenden und auch per Sprachsteuerung bedienen.

IBM und Evonik haben gemeinsam ein Pilotprojekt gestartet, bei dem es darum geht, einen digitalen, Evonik-spezifischen kognitiven Wissenskorpus aufzubauen. Wie ist hier der Stand?

Henrik Hahn: Das war zunächst ein bewusst plakativ gemeinter Startpunkt für weiterführende Value Discovery und Design Thinking Workshops -wir wollten unsere Zusammenarbeit auf dem Gebiet der KI-basierten Methoden und Technologien konkretisieren. Ein Ziel war es, historische Daten mittels geeigneter Algorithmen für eine beschleunigte Produktentwicklung zu nutzen. Heute ist es Expertinnen und Experten von Evonik tatsächlich möglich, über eine intelligente Graph-Datenbank organisiert, schnell Zugriff auf das gesamte erarbeitete Wissen der internen Forschung zu haben. Im nächsten Schritt wollen wir dann noch prädiktive Features realisieren.

Digitale Transformation
In der neu geschaffenen Funktion des Chief Digital Officers (CDO) koordiniert Henrik Hahn die Digitalisierungsaktivitäten bei Evonik. (Bild: Evonik)

Sie wollen mit namhaften Technologieunternehmen und aussichtsreichen Start-ups eng zusammenarbeiten. Kann man schon Namen nennen?

Henrik Hahn: Das Beispiel der strategischen Partnerschaft mit IBM spricht für sich. Darüber hinaus arbeiten wir auch intensiv mit der Alibaba-Gruppe nicht nur vor Ort in China, sondern auch hier in Deutschland zusammen, um innovative E-Commerce-Lösungen zu realisieren. Und Siemens ist ebenfalls ein geschätzter Innovationspartner. Daneben arbeiten wir intensiv mit Digitalagenturen wie Big Picture aus Berlin zusammen.

Was das Thema Startups angeht, sind wir auch in der Gründerallianz Ruhr (GAR) engagiert, mit der wir regelmäßig die Data Challenge Ruhr ausrufen, in der sich schon einige Startups erfolgreich bewähren konnten. Weiteren Treibstoff für Innovationen liefert unser Venture- Capital-Team über Direkt- und Fondsbeteiligungen. Die Liste der Namen wäre hier tatsächlich lang.

Auf welche Dinge sollte man aus Sicht von Evonik Digital bei der Umsetzung einer unternehmensweiten Digitalisierung achten?

Henrik Hahn: Dafür nötig sind Fokus, Disziplin, Commitment und iteratives Vorgehen. Bei einem manchmal doch vagen erscheinenden Thema wie Digitalisierung stehen bisweilen unklare Ziele und unrealistische Pläne dem Erfolg im Weg. Eine unverzichtbare Grundlage neben Daten und Technologien ist Vertrauen – der eigentlichen Währung des digitalen Zeitalters. Das gilt auch für die Zusammenarbeit im Unternehmen. Und last but least: Digitalisierung ist auch eine Lernreise, auf die möglichst viele Menschen mitgenommen werden sollten. Entscheidend ist nämlich eine intelligente Verknüpfung der „neuen Dinge“ mit den im Unternehmen bereits vorhandenen.

Tipps zur Umsetzung der digitalen Transformation

Folgende Tipps gibt Henrik Hahn Unternehmen der prozesstechnischen und verfahrenstechnischen Industrie für die Umsetzung der digitalen Transformation an die Hand und erläutert: Statt eines Leitfadens möchte ich lieber fünf Leitfragen nennen – denn sie haben sich aus meiner Sicht in der Praxis beim Priorisieren von Digitalisierungsaktivitäten bewährt:

  1. Zu Beginn sollte man hinterfragen, wie kann Digitalisierung die eigene Wertschöpfung stärken?
  2. Danach stellt sich die Frage, wie kann die Digitalisierung die Interaktion mit meinen Kunden verbessern?
  3. Oder, wie kann Digitalisierung das Wertversprechen beeinflussen?
  4. Wie kann Digitalisierung die Unternehmensfähigkeiten erweitern?
  5. Und wie kann Digitalisierung helfen, sich von der Konkurrenz abzuheben?

Die Beantwortung dieser Fragen hilft, den Problem-Solution-Fit zu konkretisieren, also das digitale Lösungskonzept – egal, ob es sich eher um eine technische, wirtschaftliche oder organisationale Fragestellung handelt.

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